----------------------- BEGIN PREVIEW ----------------------- This etext was prepared by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com with the assistance of Stefan Langer, sl99@gmx.de, in scanning the original 1922 edition. SIDDHARTHA Eine indische Dichtung von Hermann Hesse ERSTER TEIL Romain Rolland dem verehrten Freunde gewidmet DER SOHN DES BRAHMANEN Im Schatten des Hauses, in der Sonne des Flussufers Booten, im Schatten des Salwaldes, im Schatten genbaumes wuchs Siddhartha auf, der schoene Brahmanen, der junge Falke, zusammen mit seinem Freunde, dem Brahmanensohn. Sonne "braeunte seine lichten Schultern am Flussufer, beim Bade, bei den heiligen Waschungen, bei den heiligen Opfern. Schatten floss in seine schwarzen Augen im Mangohain, bei den Knabenspielen, beim Gesang der Mutter, bei den heiligen Opfern, bei den Lehren seines Vaters, des Ge lehrten, beim Gespraech der Weisen. Lange schon nahm Siddhartha am Gespraech der Weisen teil, uebte sich mit Govinda im Redekampf, uebte sich mit Govinda in der Kunst der Betrachtung, im Dienst der Versenkung. Schon verstand er, lautlos das Om zu sprechen, das Wort der Worte, es lautlos in sich hinein zu sprechen mit dem Einhauch, es lautlos aus sich heraus zu sprechen mit dem Aushauch, mit gesammelter Seele, die Stirn umgeben--vom Glanz des klardenkenden Geistes. Schon verstand er, im Innern seines Wesens Atman zu wissen, unzerstoerbar, eins mit dem Weltall. Freude sprang in seines Vaters Herzen ueber den Sohn, den Gelehrigen, den Wissensdurstigen, einen grossen Weisen und Priester sah er in ihm heranwachsen, einen Fuersten unter den Brahmanen. Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddhartha, den Starken, den Schoenen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den mit vollkommenem Anstand sie Begruessenden. Liebe ruehrte sich in den Herzen der jungen Brahmanentoechter, wenn Siddhartha durch die Gassen der Stadt ging, mit der leuchtenden Stirn, mit dem Koenigsauge, mit den schmalen Hueften. Mehr als sie alle aber liebte ihn Govinda, sein Freund, der Brahmanensohn. Er liebte Siddharthas Auge und holde Stimme, er liebte seinen Gang und den vollkommenen Anstand seiner Bewegungen, er liebte alles, was Siddhartha tat und sagte, und am meisten liebte er, seinen Geist, seine hohen, feurigen Gedanken, seinen gluehenden Willen, seine hohe Berufung. Govinda wusste: dieser wird kein gemeiner Brahmane werden, kein fauler Opferbeamter, kein habgieriger Haendler mit Zauberspruechen, kein eitler, leerer Redner, kein boeser, hinterlistiger Priester, und auch kein gutes, dummes Schaf in der Herde der Vielen. Nein, und auch er, Govinda, wollte kein solcher werden, kein Brahmane, wie es zehntausend gibt. Er wollte Siddhartha folgen, dem Geliebten, dem Herrlichen. Und wenn Siddhartha einstmals ein Gott wuerde, wenn er einstmals eingehen wuerde zu den Strahlenden, dann wollte Govinda ihm folgen, als sein Freund, als sein Begleiter, als sein Diener, als sein Speertraeger, sein Schatten. So liebten den Siddhartha alle. Allen schuf er Freude, allen war er zur Lust. Er aber, Siddhartha, schuf sich nicht Freude, er war sich nicht zur Lust. Wandelnd auf den rosigen Wegen des Feigengartens, sitzend im blaeulichen Schatten des Hains der Betrachtung, waschend seine Glieder im taeglichen Suehnebad, opfernd im tiefschattigen Mangowald, von vollkommenem Anstand der Gebaerden, von allen geliebt, aller Freude, trug er doch keine Freude im Herzen. Traeume kamen ihm und rastlose Gedanken aus dem Wasser des Flusses geflossen, aus den Sternen der Nacht gefunkelt, aus den Strahlen der Sonne geschmolzen, Traeume kamen ihm und Ruhelosigkeit der Seele, aus den Opfern geraucht, aus den Versen der Rig-Veda gehaucht, aus den Lehren der alten Brahmanen getraeufelt. Siddhartha hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu naehren, Er hatte begonnen zu fuehlen, dass die Liebe seines Vaters, und die Liebe seiner Mutter, und auch die Liebe seines Freundes, Govindas, nicht immer und fuer alle Zeit ihn begluecken, ihn stillen, ihn saettigen, ihm genuegen werde. Er hatte begonnen zu ahnen, dass sein ehrwuerdiger Vater. Und seine anderen Lehrer, dass die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und beste schon mitgeteilt, dass sie ihre Fuelle schon in sein wartendes Gefaess gegossen haetten, und das Gefaess war nicht voll, der Geist war nicht begnuegt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht gestillt. Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht Suende ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie loesten nicht Herzensangst. Vor.trefflich waren die Opfer und die Anrufung der Goetter aber war dies alles? Gaben die Opfer Glueck? Und wie war das mit den Goettern? War es wirklich Prajapati, der die Welt erschaffen hat? War es nicht der Atman, Er, der Einzige, der Alleine? Waren nicht die Goetter. Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit untertan, vergaenglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles und hoechstes Tun, den Goettern zu opfern? Wem anders war zu opfern, wem anders war Verehrung darzubringen als Ihm, dem Einzigen, dem Atman? Und wo war Atman zu finden, wo wohnte Er, wo schlug Sein ewiges Herz, wo anders als im eigenen Ich, im Innersten, im Unzerstoerbaren, das ein jeder in sich trug? Aber wo, wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es war nicht Denken noch Bewusstsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, ZU mir, zum Atman, gab es einen andern Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wusste ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesaenge! Alles wussten sie, die Brahmanen und ihre heiligen Buecher, alles wussten sie, um alles hatten sie sich gekuemmert und um mehr als alles, die Erschaffung der Welt, das Entstehen der Rede, der Speise, des Einatmens, des Ausatmens, die Ordnungen der Sinne, die Taten der Goetter unendlich vieles wussten sie--aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und Einzige nicht wusste, das Wichtigste, das allein Wichtige? Gewiss, viele Verse der heiligen Buecher, zumal in den Upanishaden des Samaveda, sprachen von diesem Innersten und Letzten, herrliche Verse. "Deine Seele ist die ganze Welt", stand da geschrieben, und geschrieben stand, dass der Mensch im Schlafe, im Tiefschlaf, zu seinem Innersten eingehe und im Atman wohne. Wunderbare Weisheit stand in diesen Versen, alles Wissen der Weisesten stand hier in magischen Worten gesammelt, rein wie von Bienen gesammelter Honig. Nein, nicht gering zu achten war das Ungeheure an Erkenntnis, das hier von unzaehlbaren Geschlechterfolgen weiser Brahmanen gesammelt und bewahrt lag.--Aber wo waren die Brahmanen, wo die Priester, wo die Weisen oder Buesser, denen es gelungen war, dieses tiefste Wissen nicht bloss zu wissen, sondern zu leben? Wo war der Kundige, der das Daheimsein im Atman aus dem Schlafe herueberzauberte ins Wachsein, in das Leben, in Schritt und Tritt, in Wort und Tat? Viele ehrwuerdige Brahmanen kannte Siddhartha, seinen Vater vor allen, den Reinen, den Gelehrten, den hoechst Ehrwuerdigen. Zu bewundern war sein Vater, still und edel war sein Gehaben, rein sein Leben, weise sein Wort, feine und adlige Gedanken wohnten in seiner Stirn--aber auch er, der so viel Wissende, lebte er denn in Seligkeit, hatte er Frieden, war er nicht auch nur ein Suchender, ein Duerstender? Musste er nicht immer und immer wieder an heiligen Quellen, ein Durstender, trinken, am Opfer, an den Buechern, an der Wechselrede der Brahmanen? Warum musste er, der Untadelige, jeden Tag Suende abwaschen, jeden Tag sich um Reinigung muehen, jeden Tag von neuem? War denn nicht Atman in ihm, floss denn nicht in seinem eigenen Herzen der Urquell? Ihn musste man finden, den Urquell im eigenen Ich, ihn musste man zu eigen haben! Alles andre war Suchen, war Umweg, war Verirrung. So waren Siddharthas Gedanken, dies war sein Durst, dies sein Leiden. Oft sprach er aus einem Chandogya-Upanishad sich die Worte vor: "Fuerwahr, der Name des Brahman ist satyam--wahrlich, wer solches weiss, der geht taeglich ein in die himmlische Welt." Oft schien sie nahe, die himmlische Welt, aber niemals hatte er sie ganz erreicht, nie den letzten Durst geloescht. Und von allen Weisen und Weisesten. Die er kannte und deren Belehrung er genoss, von ihnen allen war keiner, der sie ganz erreicht hatte, die himmlische Welt, der ihn ganz geloescht hatte, den,ewigen Durst. "Govinda," sprach Siddhartha zu seinem Freunde, "Govinda, Lieber, komm mit mir unter den Banyanenbaum, wir wollen der Versenkung pflegen." Sie gingen zum Banyanenbaum, sie setzten sich nieder, hier Siddhartha, zwanzig Schritte weiter Govinda. Indem er sich niedersetzte, bereit, das Om zu sprechen, wiederholte Siddhartha murmelnd den Vers: Om ist Bogen, der Pfeil ist Seele, Das Brahman ist des Pfeiles Ziel, Das soll man unentwegt treffen. Als die gewohnte Zeit der Versenkungsuebung hingegangen war, erhob sich Govinda. Der Abend war gekommen, Zeit war es, die Waschung der Abendstunde vorzunehmen. Er rief Siddharthas Namen. Siddhartha gab nicht Antwort. Siddhartha sass versunken, seine Augen standen starr auf ein sehr fernes Ziel gerichtet, seine Zungenspitze stand ein wenig zwischen den Zaehnen hervor, er schien nicht zu atmen. So sass er, in Versenkung gehuellt, Om denkend, seine Seele als Pfeil nach dem Brahman ausgesandt. Einst waren Samanas durch Siddharthas Stadt gezogen, pilgernde Asketen, drei duerre, erloschene Maenner, nicht alt noch jung, mit staubigen und blutigen Schultern, nahezu nackt von der Sonne versengt, von Einsamkeit umgeben, fremd und feind der Welt, Fremdlinge und hagere Schakale im Reich der Menschen. Hinter ihnen her wehte heiss ein Duft von stiller Leidenschaft, von zerstoerendem Dienst, von mitleidloser Entselbstung. Am Abend, nach der Stunde der Betrachtung, sprach Siddhartha zu Govinda: "Morgen in der Fruehe, mein Freund, wird Siddhartha zu den Samanas gehen. Er wird ein Samana werden." Govinda erbleichte, da er die Worte hoerte und im unbewegten Gesicht seines Freundes den Entschluss los, unablenkbar wie der vom Bogen losgeschnellte Pfeil. Alsbald und beim ersten Blick erkannte Govinda: Nun beginnt es, nun geht Siddhartha seinen Weg, nun beginnt sein Schicksal zu sprossen, und mit seinem das meine. Und er wurde bleich wie eine trockene Bananenschale. "O Siddhartha," rief er, "wird das dein Vater dir erlauben?" Siddhartha blickte herueber wie ein Erwachender. Pfeilschnell las er in Govindas, Seele, las die Angst, las die Ergebung. "O Govinda," sprach er leise, "wir wollen nicht Worte verschwenden. Morgen mit Tagesanbruch werde ich das Leben der Samanas beginnen. Rede nicht mehr davon." Siddhartha trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast sass, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater fuehlte, dass einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: "Bist du es, Siddhartha? So sage, was zu sagen du gekommen bist." Sprach Siddhartha: "Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin gekommen, dir zu sagen, dass mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden ist mein Verlangen. Moege mein Vater dem nicht entgegen sein." Der Brahmane schwieg, und schwieg so lange, dass im kleinen Fenster die Sterne wanderten und ihre Figur veraenderten, ehe das Schweigen in der Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn, stumm und regungslos sass auf der Matte der Vater, und die Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: "Nicht ziemt es dem Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt mein Herz. Nicht moechte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem Munde hoeren." Langsam erhob sich der Brahmane, Siddhartha stand stumm mit gekreuzten Armen. "Worauf wartest du?" fragte der Vater. Sprach Siddhartha: "Du weisst es." Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager auf und legte sich nieder. Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddhartha stehen, mit gekreuzten Armen, unverrueckt. Bleich schimmerte sein helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager zurueck. Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, sah den Mond aufgegangen. Durch das Fenster der Kammer blickte er hinein, da stand Siddhartha, unverrueckt, mit gekreuzten Armen, an seinen blossen Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im Herzen, suchte der Vater sein Lager auf. Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddhartha stehen, im Mond, im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrueckt Stehenden, fuellte sein Herz mit Zorn, fuellte sein Herz mit Unruhe, fuellte sein Herz mit Zagen, fuellte es mit Leid. Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder, trat in die Kammer, sah den Juengling stehen, der ihm gross und wie fremd erschien. "Siddhartha," sprach er, "worauf wartest du?" "Du weisst es." "Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird, Abend wird?" "Ich werde stehen und warten." "Du wirst muede werden, Siddhartha." "Ich werde muede werden." "Du wirst einschlafen, Siddhartha." "Ich werde nicht einschlafen." "Du wirst sterben, Siddhartha." "Ich werde sterben." "Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?" "Siddhartha hat immer seinem Vater gehorcht." "So willst du dein Vorhaben aufgeben?" "Siddhartha wird tun, was sein Vater ihm sagen wird." Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, dass Siddhartha in den Knien leise zitterte. In Siddharthas Gesicht sah er kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, dass Siddhartha schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, dass er ihn schon jetzt verlassen habe. Der Vater beruehrte Siddharthas Schulter. "Du wirst," sprach er, "in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. Findest du Enttaeuschung, dann kehre wieder und lass uns wieder gemeinsam den Goettern opfern. Nun gehe und kuesse deine Mutter, sage ihr, wohin du gehst. Fuer mich aber ist es Zeit, an den Fluss zu gehen und die erste Waschung vorzunehmen." Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus. Siddhartha schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um zu tun, wie der Vater gesagt hatte. Als er im ersten Tageslicht langsam auf erstarrten Beinen die noch stille Stadt verliess, erhob sich bei der letzten Huette ein Schatten, der dort gekauert war, und schloss sich an den Pilgernden an--Govinda. "Du bist gekommen", sagte Siddhartha und laechelte. "Ich bin gekommen," sagte Govinda. BEI DEN SAMANAS Am Abend dieses Tages holten sie die Asketen ein die duerren Samanas, und boten ihnen Begleitschaft und--Gehorsam an. Sie wurden angenommen. Siddhartha schenkte sein Gewand einem armen Brahmanen auf der Strasse. Er trug nur noch die Schambinde und den erdfarbenen ungenaehten UEberwurf. Er ass nur einmal am Tage, und niemals Gekochtes. Er fastete fuenfzehn Tage. Er fastete acht und zwanzig Tage. Das Fleisch schwand ihm von Schenkeln und Wangen. Heisse Traeume flackerten aus seinen vergroesserten Augen, an seinen dorrenden Fingern wuchsen lang die Naegel und am Kinn der trockne, struppige Bart. Eisig wurde sein Blick, wenn er Weibern begegnete; sein Mund zuckte Verachtung, wenn er durch eine Stadt mit schoen gekleideten Menschen ging. Er sah Haendler handeln, Fuersten zur Jagd gehen, Leidtragende ihre Toten beweinen, Huren sich anbieten, AErzte sich um Kranke muehen, Priester den Tag fuer die Aussaat bestimmen, Liebende lieben, Muetter ihre Kinder stillen--und alles war nicht den Blick seines Auges wert, alles log, alles stank, alles stank nach Luege, alles taeuschte Sinn und Glueck und Schoenheit vor, und alles war uneingestandene Verwesung. Bitter schmeckte die Welt. Qual war das Leben. Ein Ziel stand vor Siddhartha, ein einziges: leer werden, leer von Durst, leer von Wunsch, leer von Traum, leer von Freude und Leid. Von sich selbst wegsterben, nicht mehr Ich sein, entleerten Herzens Ruhe zu finden, im entselbsteten Denken dem Wunder offen zu stehen, das war sein Ziel. Wenn alles Ich ueberwunden und gestorben war, wenn jede Sucht und jeder Trieb im Herzen schwieg, dann musste das Letzte erwachen, das Innerste im Wesen, das nicht mehr Ich ist, das grosse Geheimnis. Schweigend stand Siddhartha im senkrechten Sonnenbrand, gluehend vor Schmerz, gluehend vor Durst, und stand, bis er nicht Schmerz noch Durst mehr fuehlte. Schweigend stand er in der Regenzeit, aus seinem Haare troff das Wasser ueber frierende Schultern, ueber frierende Hueften und Beine, und der Buesser stand, bis Schultern und Beine nicht mehr froren, bis sie schwiegen, bis sie still waren. Schweigend kauerte er im Dorngerank, aus der brennenden Haut tropfte das Blut, aus Schwaeren der Eiter, und Siddhartha verweilte starr, verweilte regungslos, bis kein Blut mehr floss, bis nichts mehr stach, bis nichts mehr brannte. Siddhartha sass aufrecht und lernte den Atem sparen, lernte mit wenig Atem auskommen, lernte den Atem abzustellen. Er lernte, mit dem Atem beginnend, seinen Herzschlag beruhigen, lernte die Schlaege seines Herzens vermindern, bis es wenige und fast keine mehr waren. Vom AEltesten der Samanas belehrt, uebte Siddhartha Entselbstung, uebte Versenkung, nach neuen Samanaregeln. Ein Reiher flog ueberm Bambuswald--und Siddhartha nahm den Reiher in seine Seele auf, flog ueber Wald und Gebirg, war Reiher, frass Fische, hungerte Reiherhunger, sprach Reihergekraechz, starb Reihertod. Ein toter Schakal lag am Sandufer, und Siddharthas Seele schluepfte in den Leichnam hinein, war toter Schakal, lag am Strande, blaehte sich, stank, verweste, ward von Hyaenen zerstueckt, ward von Geiern enthaeutet, ward Gerippe, ward Staub, wehte ins Gefild. Und Siddharthas Seele kehrte zurueck, war gestorben, war verwest, war zerstaeubt, hatte den trueben Rausch des Kreislaufs geschmeckt, harrte in neuem Durst wie ein Jaeger auf die Luecke, wo dem Kreislauf zu entrinnen waere, wo das Ende der Ursachen, wo leidlose Ewigkeit begaenne. Er toetete seine Sinne, er toetete seine Erinnerung, er schluepfte aus seinem Ich in tausend fremde Gestaltungen, war Tier, war Aas, war Stein, war Holz, war Wasser, und fand sich jedesmal erwachend wieder, Sonne schien oder Mond, war wieder Ich, schwang im Kreislauf, fuehlte Durst, ueberwand den Durst, fuehlte neuen Durst. Vieles lernte Siddhartha bei den Samanas, viele Wege vom Ich hinweg lernte er gehen. Er ging den Weg der Entselbstung durch den Schmerz, durch das freiwillige Erleiden und UEberwinden des Schmerzes, des Hungers, des Dursts, der Muedigkeit. Er ging den Weg der Ent selbstung durch Meditation, durch das Leerdenken des Sinnes von allen Vorstellungen. Diese und andere Wege lernte er gehen, tausendmal verliess er sein Ich, stunden lang und tagelang verharrte er im Nicht-Ich. Aber ob auch die Wege vom Ich hinwegfuehrten, ihr Ende fuehrte doch immer zum Ich zurueck. Ob Siddhartha tausendmal dem Ich entfloh, im Nichts verweilte, im Tier, im Stein verweilte, unvermeidlich war die Rueckkehr, unentrinn bar die Stunde, da er sich wiederfand, im Sonnenschein oder im Mondschein, im Schatten oder im Regen, und wieder Ich und Siddhartha war, und wieder die Qual des auf erlegten Kreislaufes empfand. Neben ihm lebte Govinda, sein Schatten, ging dieselben Wege, unterzog sich denselben Bemuehungen. Selten sprachen sie anderes miteinander, als der Dienst und die UEbungen erforderten. Zuweilen gingen sie zu zweien durch die Doerfer, um Nahrung fuer sich und ihre Lehrer zu betteln. "Wie denkst du, Govinda," sprach einst auf diesem Bettelgang Siddhartha, "wie denkst du, sind wir weiter gekommen? Haben wir Ziele erreicht?" Antwortete Govinda: "Wir haben gelernt, und wir lernen weiter. Du wirst ein grosser Samana sein, Siddhartha. Schnell hast du jede UEbung gelernt, oft haben die alten Samanas dich bewundert. Du wirst einst ein Heiliger sein, o Siddhartha." Sprach Siddhartha: "Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda, haette ich schneller und einfacher lernen koennen. In jeder Kneipe eines Hurenviertels, mein Freund, unter den Fuhrleuten und Wuerfelspielern haette ich es lernen koennen." Sprach Govinda: "Siddhartha macht sich einen Scherz mit mir. Wie haettest du Versenkung, wie haettest du Anhalten des Atems, wie haettest du Unempfindsamkeit gegen Hunger und Schmerz dort bei jenen Elenden lernen sollen?" Und Siddhartha sagte leise, als spraeche er zu sich selber: "Was ist Versenkung? Was ist Verlassen des Koerpers? Was ist Fasten? Was ist Anhaltendes Atems? Es ist Flucht vor dem Ich, es ist ein kurzes Entrinnen aus der Qual des Ichseins, es ist eine kurze Betaeubung gegen den Schmerz und die Unsinnigkeit des Lebens. Dieselbe Flucht, dieselbe kurze Betaeubung findet der Ochsentreiber in der Herberge, wenn er einige Schalen Reiswein trinkt oder gegorene Kokosmilch. Dann fuehlt er sein Selbst nicht mehr, dann fuehlt er die Schmerzen des Lebens nicht mehr, dann findet er kurze Betaeubung. Er findet, ueber seiner Schale mit Reiswein eingeschlummert, dasselbe, was Siddhartha und Govinda finden, wenn sie in langen UEbungen aus ihrem Koerper entweichen, im Nicht-Ich verweilen. So ist es, o Govinda." Sprach Govinda: "So sagst du, o Freund, und weisst doch, dass Siddhartha kein Ochsentreiber ist und ein Samana kein Trunkenbold. Wohl findet der Trinker Betaeubung, wohl findet er kurze Flucht und Rast, aber er kehrt zurueck aus dem Wahn und, findet alles beim alten, ist nicht weiser geworden, hat nicht Erkenntnis gesammelt,--ist nicht um Stufen hoeher gestiegen. Kg Und Siddhartha sprach mit Laecheln: "Ich weiss es nicht, ich bin nie ein Trinker gewesen. Aber dass ich, Siddhartha, in meinen UEbungen und Versenkungen nur kurze Betaeubung finde und ebenso weit von der Weisheit, von der Erloesung--entfernt bin wie als Kind im Mutterleibe, das weiss ich, o Govinda, das weiss ich." Und wieder ein anderes Mal, da Siddhartha mit Govinda den Wald verliess, um im Dorfe etwas Nahrung fuer ihre Brueder und Lehrer zu betteln, begann Siddhartha zu sprechen--und sagte:."Wie nun, o Govinda, sind wir wohl auf dem rechten Wege? Naehern wir uns wohl der Erkenntnis? Naehern wir uns wohl der Erloesung?. Oder eben wir nicht vielleicht im Kreise--wir, die wir doch dem Kreislauf zu entrinnen dachten?" Sprach Govinda: "Viel haben wir gelernt, Siddhartha, viel bleibt noch zu lernen. Wir gehen nicht im Kreise, wir gehen nach oben, der Kreis ist eine Spirale, manche Stufe sind wir schon gestiegen." Antwortete Siddhartha: "Wie alt wohl, meinst du, ist unser aeltester Samana, unser ehrwuerdiger Lehrer?" Sprach Govinda: "Vielleicht sechzig Jahre mag unser AEltester zaehlen." Und Siddhartha: "Sechzig Jahre ist er alt geworden und hat Nirwana nicht erreicht. Er wird siebzig werden und achtzig, und du und ich, wir werden ebenso alt werden und werden uns ueben, und werden fasten, und werden meditieren. Aber Nirwana werden wir nicht erreichen, er nicht, wir nicht. O Govinda, ich glaube, von allen Samanas, die es gibt, wird vielleicht nicht einer, nicht einer Nirwana erreichen. Wir finden Troestungen, wir finden Betaeubungen, wir lernen Kunstfertigkeiten,", mit denen wir uns taeuschen. Das Wesentliche aber, den Weg der Wege finden wir nicht." "Moegest du doch," sprach Govinda, "nicht so er schreckende Worte aussprechen, Siddhartha! Wie sollte denn unter so vielen gelehrten Maennern, unter so viel Brahmanen, unter so vielen strengen und ehrwuerdigen Samanas, unter so viel suchenden, so viel innig be flissenen, so viel heiligen Maennern keiner den Weg der Wege f inden?" Siddhartha aber sagte mit einer Stimme, welche so viel Trauer wie Spott enthielt, mit einer leisen, einer etwas traurigen, einer etwas spoettischen Stimme: "Bald, Govinda, wird dein Freund diesen Pfad der Samanas verlassen, den er so lang mit dir gegangen ist. Ich leide Durst, o Govinda, und auf diesem langen Samanawege ist mein Durst um ----------------------- END PREVIEW -----------------------